§ 39 Haltung S. 316–323

Baukosten senken · Der größte Hebel ist das Bauteil, das nicht gebaut wird

Warum der wirksamste Kostenhebel nicht der bessere Einkaufspreis ist, sondern der geringere Umfang: die Kostengruppe 400 als Treiber, die vorgelagerte Lieferkette, die Prüfliste für jede Position — und die drei Grenzen, an denen Weglassen aufhört.

Der wirksamste Kostenhebel steht in keinem Angebot

Wer Baukosten senken will, vergleicht in der Regel Preise: den Quadratmeterpreis der Fliese, das Nachlassangebot des Rohbauers, die zweite Heizungsvariante. Dieser Weg ist naheliegend und in seiner Wirkung begrenzt, weil er den Umfang der Leistung als gegeben behandelt.

Der größere Hebel liegt eine Ebene davor: Die wirtschaftlichste Position ist die, die im Leistungsverzeichnis nicht vorkommt. Ein Bauteil, das nicht geplant wird, verursacht keine Herstellung, keinen Transport, keinen Einbau, keine Wartung, keinen Austausch und keine Entsorgung. Es ist die einzige Position ohne Amortisationszeit.

Diese Seite ordnet ein, wo dieser Hebel wirkt, welche Lieferkette an jedem Bauteil hängt, was die gängigen Nachweise davon abbilden — und an welchen drei Stellen Weglassen aufhört.

Die Kosten entstehen nicht im Rohbau

Die verbreitete Annahme, Bauen sei vor allem deshalb teurer geworden, weil Beton, Stahl und Ziegel teurer wurden, erklärt nur einen Teil der Entwicklung.

Die Baukostensenkungskommission des Bundes hat den wesentlichen Treiber der Kostensteigerung nicht im Rohbau verortet, sondern in der Kostengruppe 400 nach DIN 276 — der technischen Gebäudeausrüstung. Die Untersuchungen der ARGE für zeitgemäßes Bauen in Kiel bestätigen dies über die Zeitreihe: Die Kosten für Ausbau und technische Anlagen sind erheblich stärker gestiegen als die für das Tragwerk.

Dahinter steht ein eingeübtes Muster: Probleme werden durch Hinzufügen gelöst. Der Raum erwärmt sich im Sommer — es wird eine Kühlung ergänzt. Die Gebäudehülle wird dichter — es wird eine Lüftungsanlage ergänzt. Der Schaltpunkt liegt an der falschen Stelle — es wird ein weiteres Gerät ergänzt. Jede dieser Entscheidungen ist für sich begründbar. Geprüft wird selten die Summe.

Was mit einem Bauteil alles entfällt

Der Preis eines Bauteils ist selten der Preis des Bauteils. Am Beispiel einer nicht tragenden Innenwand:

PositionWirkung
GrundflächeDer Wandquerschnitt ist Fläche, die bezahlt, beheizt, gereinigt und in der Wohnflächenberechnung geführt wird
FolgegewerkeIn der Regel Tür mit Zarge, Beschlag und Anstrich; Putz und Sockelleiste auf zwei Seiten
InstallationsführungLeitungen müssen umgeführt oder eingeschlitzt werden; Umwege kosten Material, Schlitze schwächen
InstandhaltungOberflächen werden über die Nutzungsdauer mehrfach erneuert
RückbauAbbruchmasse, die getrennt und entsorgt wird

Diese Aufstellung erfasst den wirtschaftlichen Teil. Der ökologische ist länger.

Die vorgelagerte Lieferkette

An jedem Bauteil hängt eine Kette, die lange vor der Baustelle beginnt. Ein Bauteil, das nicht eingebaut wird, löst sie nicht aus:

  1. Der Rohstoff wird nicht gewonnen. Kein Abbau, keine Fläche, kein Eingriff in Boden und Grundwasser.
  2. Das Halbzeug wird nicht hergestellt. Kein Brennen, kein Schmelzen, kein Trocknen — die energieintensivsten Schritte der Kette.
  3. Es wird nicht transportiert. Weder zum Werk noch zur Baustelle.
  4. Es wird nicht eingebaut. Kein Gerät, kein Baustrom, kein Verschnitt, kein Fügemittel, keine Verpackung, keine Anfahrt.
  5. Die Produktionsmittel entfallen anteilig. Die Maschine, die das Halbzeug verarbeitet, das Werkzeug, das dafür gefertigt wird, das Gerät, das den Rohstoff gewinnt — auch sie bestehen aus Material, das gewonnen, verarbeitet und transportiert wurde.

Die Größenordnung ist erheblich. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts werden in Deutschland jährlich rund 600 Millionen Tonnen mineralische Baurohstoffe gewonnen und im Bausektor eingesetzt. Am anderen Ende der Kette waren mineralische Bauabfälle einschließlich Bodenaushub im Jahr 2022 mit 207,9 Millionen Tonnen die mengenmäßig größte Abfallgruppe in Deutschland — rund 61 Prozent des gesamten Abfallaufkommens (Umweltbundesamt).

Der Bausektor ist in der Ressourcenfrage kein Nebenschauplatz.

Warum CO₂ die maßgebliche Größe ist, nicht die Kilowattstunde

Die Diskussion über wirtschaftliches und nachhaltiges Bauen dreht sich überwiegend um den Betrieb: Heizung, Dämmung, Verbrauch. Diese Betrachtung greift mit jedem Effizienzschritt kürzer.

Denn je sparsamer ein Gebäude im Betrieb ist, desto stärker bestimmen die Emissionen das Ergebnis, die vor der ersten Nutzungsstunde bereits angefallen sind. Für Neubauten im Effizienzhaus-Standard werden Anteile grauer Emissionen von bis zu rund 80 Prozent der Lebenszyklusemissionen genannt. Die Systematik dahinter ist in unserem Beitrag zu den grauen Emissionen am Bau ausführlich dargestellt.

Daraus folgt eine Konsequenz, die in Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen regelmäßig fehlt: Eine Emission heute wiegt schwerer als dieselbe Emission in zwanzig Jahren. Das verbleibende Budget ist eine Bestandsgröße, keine laufende Rate. Eine Maßnahme, die Betriebsemissionen senkt, verursacht zuerst Herstellungsemissionen — diese fallen sofort an, der Nutzen verteilt sich über Jahrzehnte. Ob sich das rechnet, ist eine Rechnung, keine Haltung. Warum CO₂ und nicht Energie die eigentliche Zielgröße ist, führen wir in Wir sparen nicht Energie. Wir sparen CO₂. aus.

Das nicht eingebaute Bauteil ist der einzige Fall, in dem diese Rechnung entfällt.

Der Punkt, an dem der Nachweis das Weglassen unterschätzt

Es ließe sich einwenden, all dies werde bilanziert. Das trifft im Grundsatz zu: EN 15804 und EN 15978 regeln die Systematik, Umweltproduktdeklarationen liefern die Datensätze, und über die europäische Gebäuderichtlinie wird das Lebenszyklus-Treibhauspotenzial schrittweise zur Pflichtangabe.

Ein Punkt verdient jedoch den genauen Blick. Die Produktionsmittel selbst — Werke, Maschinen, Fahrzeuge, in der Fachsprache Kapitalgüter — sind in der Ökobilanzierung von Bauprodukten nicht durchgängig erfasst. Eine Auswertung veröffentlichter EPDs nach EN 15804+A2 kam zu dem Ergebnis, dass weniger als ein Viertel der Deklarationen überhaupt angibt, ob Kapitalgüter berücksichtigt wurden.

Daraus folgt:

Die Einsparung durch Weglassen liegt in der Regel über der, die der Nachweis ausweist. Es ist die einzige Maßnahme im Bauwesen, deren Wirkung systematisch unterschätzt wird.

Bei jeder anderen Maßnahme verhält es sich umgekehrt: Die Ersparnis steht im Nachweis, die Nebenwirkung steht an anderer Stelle.

Der Nachweis, dass es trägt

Das Forschungsvorhaben „Einfach Bauen” der Technischen Universität München (Prof. Florian Nagler) hat den Ansatz an drei Forschungshäusern in Bad Aibling untersucht — je eines aus Beton, Holz und Ziegel. Der Grundgedanke: das Bauwerk so konstruieren, dass für ein gutes Raumklima möglichst wenig Anlagentechnik erforderlich ist. Gearbeitet wurde mit Speichermasse, Fensterflächen, Bauteildicken und Verschattung anstelle zusätzlicher Geräte.

Das Ergebnis: Die Gebäude schneiden bei Lebenszykluskosten und Ökobilanz besser ab als der konventionelle Wohnungsbaustandard — und besser als aktuelle Passiv- und Plusenergiehäuser. Holz- und Ziegelvariante wiesen identische Baukosten und identische Bauzeit auf.

Ein zweiter Beleg steckt in der Systematik der Nachhaltigkeitsbewertung. Das Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB) und das Qualitätssiegel Nachhaltiges Gebäude (QNG) rechnen über einen Betrachtungszeitraum von 50 Jahren. Die zugehörige BBSR-Nutzungsdauertabelle ist ausdrücklich nur für jene Bauteile relevant, deren Nutzungsdauer kürzer ist als dieser Zeitraum. Für die Tragkonstruktion ist innerhalb der 50 Jahre kein Austausch anzusetzen. Für einen großen Teil der technischen Anlagen dagegen schon, teilweise mehrfach.

Ein eingebautes Gerät wird gekauft, gewartet, ersetzt und entsorgt. Ein nicht eingebautes Gerät nicht.

Die vier Prüffragen vor jeder Position

Für die Praxis lässt sich das auf vier Fragen verdichten. Sie eignen sich für die Entwurfsphase ebenso wie für die Prüfung eines vorliegenden Angebots.

  1. Welchen Zweck erfüllt diese Position — und erfüllt ihn etwas anderes bereits mit? Eine baulich gelöste Verschattung ersetzt eine Kühlung. Speichermasse ersetzt Regelungstechnik. Ein geordneter Grundriss ersetzt Wände.
  2. Über welche Systemgrenze wird gerechnet? Herstellung (A1–A3), Transport (A4), Einbau (A5), Nutzung und Instandhaltung (B), Rückbau und Entsorgung (C). Wer nur den Betrieb betrachtet, lässt regelmäßig den größeren Teil weg.
  3. Wie lange ist die Amortisation — in CO₂, nicht in Euro? Acht Jahre sind eine tragfähige Investition. Vierzig Jahre sind, gemessen am verbleibenden Budget, die falsche Maßnahme.
  4. Was wäre die Nullvariante? Nicht tun, weniger tun, erhalten. Sie steht in keinem Angebot und gewinnt in der Bilanz häufiger als erwartet.

Wo Weglassen aufhört

Damit der Grundsatz belastbar bleibt, gehören drei Abgrenzungen dazu.

Weglassen ist nicht Entfernen. Eine bestehende tragende Wand aus einem fertiggestellten Gebäude herauszunehmen erfordert Auswechslung, gegebenenfalls Unterfangung, die Betrachtung der Bauzustände und einen statischen Nachweis. Der wirtschaftliche Vorteil entsteht in der Entwurfsphase, nicht auf der Baustelle. Welche Voraussetzungen für einen Eingriff in tragende Bauteile gelten, ist in Tragende Wand erkennen und entfernen beschrieben.

Die Schutzziele stehen nicht zur Disposition. Standsicherheit, Brandschutz, Schallschutz und gesunde Innenraumbedingungen sind keine Sparpositionen. Wer dort kürzt, verlagert Kosten in die Haftung. Reduziert werden Ausstattungsniveau, Redundanz und eingeübte Gewohnheit.

Ersetzen ist nicht Weglassen. Eine Funklösung anstelle einer Leitung spart Kabel, Schlitz und Dose, fügt aber ein elektronisches Bauteil mit deutlich kürzerer Nutzungsdauer hinzu, das gewartet, ersetzt und entsorgt wird. Das kann im Einzelfall die richtige Entscheidung sein. Der größere Hebel liegt eine Frage davor: Wird der Schaltpunkt überhaupt benötigt?

Wie wir das in der Planung handhaben

Wir prüfen vor der Dimensionierung den Umfang. Das bedeutet: Zuerst wird die Substanz gelesen und der Bedarf geklärt, dann wird der Machbarkeits-Korridor festgelegt, und erst innerhalb dieses Korridors wird entworfen. Die Statik sitzt dabei am Entwurfstisch und nicht am Ende der Kette — weil das Tragwerk darüber entscheidet, welche Grundrisse ohne zusätzliche Bauteile funktionieren.

Für ein konkretes Vorhaben prüfen wir Tragwerk, Bauphysik und Verfahren im Machbarkeits-Check und legen das Ergebnis in Textform vor.

Das Wichtigste in drei Sätzen

Der wirksamste Kostenhebel ist nicht der bessere Einkauf, sondern der geringere Umfang. Weglassen senkt Kosten und Emissionen gleichzeitig und unterschreitet dabei sogar den Wert, den die Nachweise ausweisen. Es endet an drei Stellen: bei den Schutzzielen, beim Rückbau bestehender Tragglieder und dort, wo lediglich ersetzt statt weggelassen wird.

316 · § 39 / 39

Ende des Beitrags · 8 Min Lesedauer

Veröffentlicht:

Inhaltlich geprüft nach Stand der Veröffentlichung. Konkrete Vorhaben bedürfen einer individuellen Beratung — die Beispielwerte ersetzen keinen § 7 Abs. 2 HOAI-Angebotsschritt.

FAQ

Häufige Fragen

08 · Kontakt

Sprechen Sie
mit uns.

Persönlich, ohne Verkauf. Sie schildern Ihr Vorhaben — wir antworten mit Substanz, nicht mit einem Pitch. Erstgespräch unverbindlich, vertraulich, ohne Honorar.

Dipl.-Ing. Robin Henn

Geschäftsführer · 10 Jahre · 70+ Bauvorhaben

Der Concierge-Button rechts unten begleitet Sie zurück durch jede Seite — WhatsApp, Telefon, Mail, Formular in einem Klick.

Der schnellste Weg

Lieber zurückrufen lassen?

Keine fünf Fragen, kein Formular. Name und Nummer genügen — wir melden uns bei Ihnen, meist noch am selben Werktag.

Lieber sofort? +49 175 44 39 215 · WhatsApp

WhatsApp Fotos · Plan · Sprachnachricht Anrufen